Warum "Demokratisches Krankenhaus"
Jede Patientin und jeder Patient brauchen etwas anderes.
Im Einzelfall lässt sich die richtige Versorgung, diejenige, die dem oder der Patientin gerecht wird, nur im Austausch zwischen Patientin und Gesundheitsarbeiterin ermitteln. Diese Klärung kann herbeigeführt werden, indem das Empfinden der Einzelnen, menschliche Zuwendung und die wissenschaftliche Basis pflegerischen oder ärztlichen Handelns miteinander ins Gespräch gebracht werden.
Preisbildung in Märkten setzt nicht nur Wiederholbarkeit und Gleichförmigkeit von Dienstleistungen oder Waren voraus. Sie erfordert auch ähnlicher Kenntnisse der Handelspartner und Entscheidungsfreiheit – d.h. die Abwesenheit von marktfremden Zwangslagen und Abhängigkeiten. Hat sich ein Produkt als mangelhaft erwiesen, wird es nicht mehr gekauft. Wird es nicht mit dem geringstmöglichen Ressourcenaufwand produziert, ist seine Herstellerin nicht konkurrenzfähig. So werden, der Theorie nach, optimale Qualität und Ressourcenallokation sichergestellt.
Keine dieser Voraussetzungen trifft in der Medizin zu. Sie können allenfalls simuliert werden – z.B. durch standardisierte Fallgruppen (DRGs), die so tun, als gäbe es Gleichförmigkeit und Wiederholbarkeit zwischen Behandlungen völlig unterschiedlicher Patientinnen in unterschiedlichen Lebenslagen. Oder durch Vergleichsportale, die mit grobschlächtigen Kennzahlen einen Anschein von qualitativer Vergleichbarkeit schaffen.
Ein besonderes Problem ist die Zeit menschlicher Zuwendung. Für sich betrachtet stellt sie in den meisten Situationen für Patientin und Patient einen Nutzen an sich dar. Die Marktlogik betrachtet sie als einen Kostenfaktor der so weit wie möglich reduziert werden muss.
Die Marktsteuerung im deutschen Gesundheitswesen hat sich blamiert. Die Ergebnisse sind mittelmäßig, die Kosten enorm. Es entstehen auffällige Versorgungslücken, während die Anbieter, ob Praxen oder Krankenhäuser den Markt verlassen, egal ob es sich um Praxen handelt, für die keine Nachfolgerin gefunden wird oder um Krankenhäuser die insolvent werden. Mitarbeitende sind ebenso unzufrieden wie Kranke und Angehörige.
Wenn Krankhäuser sich also nicht durch Kaufleute als Unternehmen steuern lassen – wie dann?
Das Konzept des demokratischen Krankenhauses fußt darauf, dass richtiges Handeln im Krankenhaus sich nur in einem Abwägungsprozess zwischen den Beteiligten herstellen lässt.
Was wissenschaftlich richtig ist, kann weder durch Marktmechanismen noch durch bloße Anweisungen von Vorgesetzten festgelegt werden. Was einem einzelnen Patienten gerecht wird, ergibt sich nicht aus standardisierten Leistungskatalogen. Und was für die gesundheitliche Versorgung einer Region angemessen ist, muss gemeinsam ausgehandelt werden, statt es der Kaufkraft zu überlassen.
Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Diskussionszusammenhang „Demokratisches Krankenhaus“ mit Organisationsstrukturen und der gesellschaftlichen Einbettung von Krankenhäusern, die dem Bedarf der Bevölkerung entsprechen sollen, nicht den Gewinninteressen von Gesundheitsunternehmen.